Wie klaut man eine Insel? (Leda Verlag)

 

Roland Büby, arbeitsloser Philosoph, lag in seinem beigefarbenen Leinenanzug mitsamt Tropenhelm in der übervollen Badewanne seiner Borkumer Pension und starrte in die auf Hochglanz polierte Mündung eines alten Armeerevolvers, den er auf einem Flohmarkt günstig unter der Hand erstanden hatte.

Büby schob sich den Lauf in den Mund.

Vanillig riechender Badeschaum schwappte auf die rosa Fliesen.

Büby zog den Lauf wieder aus dem Mund, beugte sich vorsichtig über den Wannenrand, fischte den Waschlappen vom Waschbecken und wischte den Fleck gewissenhaft auf, ohne dabei Schaum nachzuschwappen.

Er würde im Tod ganz gewiss keine Sauerei hinterlassen.

Schließlich war er Schwabe.

 

 

 Küss mich, Schatz! (Goldmann Verlag)

"Ssag bloß, du bist die Dodo", lallte es säuselig aus dem kirschroten Mund. Der Rest der Frau war in einen knallbunten Overall gehüllt. Ihr Blick ging ins Leere. In der Hand hielt sie ein Glas mit durchscheinender Flüsigkeit. "Na, ersma um'n Pudding gelaufen oder warum kommst du so sspät?"

Die Frau musste um die 50 sein, kugelrund, mit grauem Zopf, aber ansonsten hatte sie sich erstaunlich gut gehalten. Zweifellos die Folge jahrelangen Alkoholkonsums. Alkohol konserviert ja bekanntlich, wie Queen Mum bewiesen hatte.

"Hihi, Dodo … is' das die Abkürzung für 'doppelte Dornkaarts'?", freute sich Severina. "Das war das Lieblingsgetränk von Heinz Erhardt!" Sie schlug sich fröhlich auf die üppigen Schenkel. Die Flüssigkeit aus ihrem Glas schwappte über.

Zu sagen, dass Severina Thun angeheitert war, wäre eine Untertreibung gewesen. Sie war volltrunken. Das bekam Dodo noch mit, bevor sich ein riesiges Ungeheuer auf sie warf und erbarmungslos zu Boden riss.

Eine Viertelstunde später ließ sich Dodo schwer auf die betagte Couch im Wohnzimmer fallen, was sie augenblicklich bereute. Generationen von Friesen hatten mit ihren Pobacken das Lederpolster zu einer Reliefkarte von Schleswig-Holstein geformt. Dodo wollte sich erheben und ihrer malträtierten Rückseite Erleichterung verschaffen, aber da ließ sich schon der riesige Bernhardiner wuchtig auf ihr nieder. Von seiner Seite aus handelte es sich um Liebe auf den ersten Blick.

"Dasis Bill", stellte Severina ihn vor. "Stück Kuchen?" Severina schob einen Marmorkuchen über den Tisch, dem man auf den ersten Blick ansah, dass er seinen Namen zu Recht trug.

"Danke, nein." Dodo spuckte Bernhardinerhaare aus.

"Wuff!", erklärte Bill.

Daraufhin ebbte die Unterhaltung schlagartig ab. Dodo musste erst noch lernen, dass in Norddeutschland ein Gespräch noch lange nicht zu Ende war, nur weil zehn Minuten keiner etwas sagte.

 

 

 

 

AUTOFAHRER, AUFGEPASST! Hörerkrimi für WDR 5 – gelesen von Nina Hoger. Erstausstrahlung: 22. April 2002 ——————————————– Wer heute noch Auto fährt, ist kriminell! Oder wie mein Freund Jean-Pierre, der Philosoph, zu sagen pflegt: Die Egoistengeneration ist noch nicht ausgestorben, ihre Show wurde wegen großer Nachfrage verlängert. Ob Luxusschlitten oder Kleinwagen, hinterm Steuer wird jeder zum Täter, zum Mitschuldigen an Ozonloch und Baumsterben. Unsere Kinder werden nicht mehr wissen, was ein Wald ist, was aber auch egal ist, weil ihnen ohnehin der Sauerstoff zum Atmen fehlt. Doch die Möchtegern-Schumis pellen sich ein Ei drauf und jammern bloß über die astronomischen Spritpreise. Ich wohne in einem Vorort von Köln. Was glauben Sie, wie oft ich mir schon anhören musste, dass man in einem Vorort ohne Auto einfach nicht überleben könne. So ein Quark. Bus und Bahn fahren oft genug in die Innenstadt, und notfalls lässt sich die Strecke auch sehr bequem zu Fuß zurücklegen. Eine echt günstige Alternative zum Fitnessclub. Aber ein eigenes Auto ist ja sooo bequem. Nicht mir mir! Mit meinem Schlüsselbund habe ich schon so manchem Blechfetischisten einen Denkzettel verpasst. Nix ist schöner als fetzige Schlangenlinien an der Seitentür oder ein grimmiger Smiley auf dem Kofferraumdeckel. Ha! "He, he Sie, was machen Sie denn da?" "Fick dich ins Knie, Penner!" Manchmal wurde es brenzlig, aber regelmäßiges Joggen hat mich noch allemal befähigt, den verfetteten Autofahrern zu entkommen. Gibt mir 'nen echten Kick — ich als Rächerin der unschuldigen nächsten Generation, als Beschützerin von Luft und Grünflächen. -oOo- Tja, bis letzten Monat. Ich kam gerade von meinem Wen-Do-Kurs aus der Volkshochschule. Schwestern, ihr wisst ja, wie das ist: frau fühlt sich unbesiegbar und schreitet festen Schrittes mit einem Lächeln dahin. Da sah ich ihn: knallroter Geländewagen mit Gittern vorn und hinten. Stand neben dem Friedhof, im Halteverbot. Wahrscheinlich nur mal schnell nach Feierabend die Oma gießen. Leise Morricone-Klänge in meinen Hinterkopf. Breitbeinig stapfte ich auf das Monster mit Vierradantrieb zu und zückte meinen Schlüsselbund. Ritze, ratze, knirsch. "Sind Sie noch zu retten? Sofort aufhören!" Ich hatte ihn nicht kommen hören. Der Depp war gar nicht als spätabendlicher Friedhofsgänger unterwegs, sondern kam aus einem Hauseingang auf der anderen Straßenseite. Er hastete auf mich zu, packte mich an der linken Schulter und starrte gleichzeitig entsetzt auf das neue Muster auf der Kühlerhaube. "Sie ticken ja wohl nicht richtig!" Seine Stimme ähnelte sehr der eines pubertären Jünglings, hoch-tief-hoch. Gleich fing er bestimmt an zu heulen. Ich hatte seinen besten Freund ruchlos entehrt, entweiht, geschändet … Ich lächelte ihn an, holte mit der Rechten aus und klatschte ihm meinen Schlüsselbund mit Schmackes auf die Schläfe. Er knickte ein und sackte zu Boden. Plumps. Man möchte gar nicht meinen, wie schnell so was geht. Mein Schlüsselbund ist allerdings auch ein kräftiges Kaliber. Zwölf Türschlossöffner und als Anhänger ein Miniaturnachbau des Kölner Doms aus Hartgummi. Als ich mich zu ihm hinunterbeugte, war er wohl schon tot. Ich konnte jedenfalls keinen Puls mehr feststellen. Pech. Sowas nennt man Betriebsunfall. Ich sah mich um, aber weit und breit war nichts zu sehen. Am nächsten Tag kam ich in der Zeitung. Na ja, eigentlich nicht ich, sondern er. Der Gute war ein unbescholtener Bürger gewesen, Geschäftsführer eines großen Handwerkbetriebes, ein Familienvater ohne Feinde. Die Polizei stand vor einem Rätsel. Es wurde spekuliert, ob es sich bei ihm um das Opfer einer Verwechslung handelte. Opfer einer Verwechslung — unverschämt! -oOo- "Gott, so ein Unglück. Der arme Mann." Die Frau meines Bäckers schüttelte den Kopf und reichte mir mit ihren klauenartigen Händen die Tüte mit dem Dinkelbrot. "Haben Sie ihn denn gekannt?" Ich klang ganz beiläufig. "Nein, das nicht, aber man liest doch Zeitung. Es kam sogar im Radio. Die Welt wird immer grauslicher, man mag morgens gar nicht aus dem Haus." "Ach Frau Köppke, Ihnen tut doch keiner was." Ich lächelte zuversichtlich. Vor mir brauchte sie mit Sicherheit keine Angst zu haben, die Frau besaß ja nicht einmal einen Führerschein. Mein Entschluss bedurfte keiner langen Gärzeit. Als ich am Morgen danach die Augen aufschlug, war alles klar: Mord war die finale Lösung. Kratzer ließen sich in einer Werkstatt beheben — die Kerle gurkten tags drauf schon wieder durch die Gegend. Aber wenn sie erst mal eineinhalb Meter tief unter der Erde lagen, war die Sache erledigt und die Umwelt gerettet. Schon am Wochenende darauf schlug ich wieder zu. Es war der heißeste Samstag aller Zeiten. Ich joggte durch die Schrebergärten. Vor der Hütte mit der größten Anzahl Gartenzwerge diesseits und jenseits des Rheins stand ein feister Endvierziger und schrubbte sein Allerheiligstes, einen Kombi in Langweilergrün. Die Sonne brannte auf seinen haarigen Rücken — ich roch brutzelndes Fleisch. Wir zwei waren allein auf der Welt. Er oder ich. Er grinste mich anzüglich an. Ich lächelte süffisant zurück. Meine kleinen grauen Zellen arbeiteten auf Hochtouren. Ich war unbewaffnet. Die Schlüsselmethode schien mir zu unsicher. Gab es nichts Habhafteres? Da fiel mein Blick auf den Eimer mit der Seifenlauge. Kein Plastik, sondern gutes altes Emaille. Diesmal musste ich dreimal zuschlagen, bevor ich sicher sein konnte, dass sich in dem Perversling nichts mehr regte. Vor fern bellte in Hund. Ansonsten herrschte die Stille eines mexikanischen Wüstenfriedhofs. Ich trabte weiter. -oOo- Die Polizei kam nicht mal beim fünften Opfer dahinter, dass alle Ermordeten neben ihrem Auto gefunden wurden und folglich der Wagen das Motiv sein musste. Die sind ja sowas von beschränkt. Natürlich hab' ich nicht alle erschlagen, das war mir zu öde. Den dritten habe ich erstochen, die vierte (ich bin keine Sexistin) ertränkt und dem fünften in seiner Garage mit Kohlenmonoxid den Rest gegeben. Abwechslung macht das Leben bunter. Ich will auf Dauer auch nicht mehr jede Woche einen umbringen. Ist mir zu eintönig. Einmal im Monat reicht. Morgen ist es mal wieder soweit. Ich darf doch davon ausgehen, dass Sie die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, oder?!