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Es kommt eine Kugel geflogen

Ein Siggi-Seifferheld-Prequel von Tatjana Kruse

 

Es kommt eine Kugel geflogen …

Ein Siggi-Seifferheld-Prequel von

Tatjana Kruse

 

 

Frau Holle hat jetzt Wasserbetten – und die sind undicht.

Es goss wie aus Kübeln.

Kommissar Siegfried Seifferheld musste von seinem Büro im Innenstadtrevier zur Filiale seiner Bank förmlich schwimmen. Aber es nützte ja nichts. Seine Nichte Karina, die an der hiesigen Fachhochschule studierte und vorübergehend bei ihm wohnte, hatte als Zeichen des Protests gegen Massentierhaltung Folterknechte des Kapitalismus an die Zentrale des hiesigen Bauernverbands gesprayt. Und sich dabei vom Hausmeister erwischen lassen.

Weil man sich hier in Hall noch kannte, konnte Seifferheld die Angelegenheit gütlich regeln, ohne dass es rechtliche Folgen für seine Nichte haben würde. Dazu gehörte auch die umgehende Regelung des finanziellen Schadens – großflächiges Wegkärchern war deutlich teurer als er das bis dato gedacht hatte.

Er trat in den Vorraum der Bankfiliale in der Marktstraße und schüttelte Haare und Windjacke trocken. Schirme waren was für Leute, die fürchteten, sie könnten schrumpeln, wenn sie nass wurden.

Seine durchgeweichten Lederschuhe machten Pflatsch-pflatsch-pflatsch-Geräusche auf dem Linoleumboden, als er in die Schalterhalle trat.

Es waren nur ein Schalter geöffnet, der auch gerade frei wurde.

„Seifi, altes Haus!“

Es gab nicht viel, was Kommissar Siegfried Seifferheld, stellvertretender Leiter der Mordkommission Schwäbisch Hall, mehr nervte, als von ehemaligen Grundschulkameraden mit seinem Spitznamen von anno dunnemals angeredet zu werden. Selbst schuld, dachte Seifferheld, ich hätte ja die Versetzung nach Stuttgart annehmen können.

„Siggi!“, korrigierte er automatisch. „Hallo Walter.“

Er könnte immer noch nach Stuttgart gehen. Jetzt hielt ihn nichts mehr in Hall. Seine Frau war tot, seine Tochter hatte einen Superjob in der Bausparkasse und Irmi … tja, seine Schwester Irmgard würde schon irgendwie ohne ihn klar kommen. Sie war unkaputtbar.

„Was kann ich denn heute Gutes für dich tun, Seifi?“ Walter Krummnagel, mit dem Siggi vor vierzig Jahren die Holzbank in der Grundschule am Langen Graben gedrückt hatte, war nicht nur frei von einem Spitznamen – alle hatten ihn seit jeher immer nur Walter genannt, was ja irgendwie auch armselig war, so ganz ohne Spitznamen durch die Schulzeit zu gondeln –, er war auch völlig frei von Ehrgeiz und somit nicht Filialleiter oder wenigstens stellvertretender Filialleiter, was er aufgrund seines Alters eigentlich längst hätte sein sollen, sondern immer noch einfacher Schalterbeamter. Was Walter Krummnagel null bekümmerte. Er hatte seinen Traumjob: feste Arbeitszeiten und viel Kontakt mit Menschen. Er liebte Menschen. Sogar Seifi, der ihn nie hatte abschreiben lassen. Und der immer ein wenig von oben herab auf ihn herabzublicken schien. Was natürlich auch daran liegen konnte, dass Seifi gut zehn Zentimeter größer war als er.

„Ich muss eine Überweisung tätigen, und mir sind die Vordrucke ausgegangen.“

„Überweisungsvordrucke. Kommen sofort.“ Walter tauchte ab. Die meisten Kunden machten mittlerweile Online-Banking, darum lagen die Vordrucke ganz unten im Schalterregal.

Eine Frau mittleren Alters trat ein und steckte ihren Stockschirm mit dem Bausparkassen-Logo in den Schirmhalter. Sofort bildete sich eine Lache in der Größe des Steinbacher Sees.

Die Frau trat hinter Seifferheld und musterte ihn interessiert. Was er nicht sehen konnte, er hatte im Hinterkopf keine Augen, aber es gab genügend Präzedenzfälle. Er war für Frauen eines bestimmten Alters das, was Katzenminze für Katzen war.

Siggi sah mit Mitte fünfzig noch verdammt gut aus. Er hielt sich in Form, joggte täglich. Walter hatte dagegen der Natur einfach ihren Lauf gelassen – und sah trotzdem topfit aus. Schon möglich, dass er ins Keuchen kam, wenn er beispielsweise den Klosterbuckel neben der Michelskirche erklomm, aber äußerlich wirkte er durchtrainiert. Das nagte an Siggi. Die bloße Existenz von Walter Krummnagel war für Siggi ärgerlich.

Kurzum, zwischen den beiden war keine Liebe verloren gegangen. Früher nicht, heute auch nicht.

„Hier deine Vordrucke. Reichen fünfundzwanzig Stück oder willst du mehr?“ Walter tauchte wieder auf.

„Reicht mir.“ Siggi nahm die Vordrucke und wollte zu der Säule in der Mitte der Schalterhalle gehen, um die herum eine Schreibfläche angebracht war.

Da stürmten vier Vermummte herein …

*

Günni, Jürgi, Rudi und Kalle – Männer, die wie Fußballtrainer heißen

„Hände hoch. Keiner bewegt sich. Wehe, es wird Alarm ausgelöst.“

Drei von ihnen trugen schwarze Skimasken. Der vierte hatte einen Damenstrumpf über den Kopf gezogen. Der Strumpf saß aber zu eng. Er konnte darunter nicht einmal blinzeln. Weil der Strumpf an den Augäpfeln rieb, sah er auch nichts. Darum prallte er volle Kanne gegen seinen Kumpel vor ihm, als der mittig in der Schalterhallte stehenblieb.

„Scheiße, Jürgi, pass doch auf!“, rief der menschliche Prellbock.

„Keine Namen, Günni!“, mahnte der ganz vorn und schlug sich gleich darauf die Hand vor den Mund.

Seifferheld seufzte. Amateure! Das war blöd. Er arbeitete lieber mit Profis – da wusste man, woran man war. Anfänger verloren gern mal die Nerven.

Alle vier hielten professionelle Kurzwaffen in den Händen. Beinahe amerikanische Verhältnisse. Das war man in Schwäbisch Hall nicht gewöhnt.

Seifferheld, der zivil trug und in seiner geliebten Windjacke eher an einen Staubsauervertreter als an einen hochrangigen Kriminaler erinnerte, war unbewaffnet.

„Auf den Boden!“, gellte der Skimaskenträger ganz vorn, offenbar der Anführer der Bande. „Sofort!“

Die Bankfiliale war um diese Uhrzeit – früher Nachmittag an einem Werktag – so gut wie leer. Darum war ja auch nur ein Schalter geöffnet. Außer Siggi noch ein Bärtiger und die Frau mittleren Alters. Und Walter Krummnagel hinter der Schaltertheke.

Die drei Kunden und Krummnagel ließen sich, mehr oder weniger geschmeidig, auf den Boden gleiten. Seifferheld hörte die Frau „Igitt!“ murmeln und musste ihr recht geben: Aufgrund des anhaltenden Regens glich der Boden der Bankfiliale einem Schlammparcours.

„Scheiße, Sie doch nicht!“, röhrte der Anführer und trat vor den Schalter. Er zielte mit seiner Waffe auf Walter Krummnagel, der sich wieder hochrappelte. „Alles Geld in die Taschen! Wenn ich den Alarm höre, sterben die Geiseln!“

Seifferheld grinste innerlich. Diese Aussage war beruhigend, da die Bank einen stillen Alarm hatte. Und zweifellos hatte Krummnagel den schon längst ausgelöst. Er ließ sich nämlich unauffällig mit dem Fuß betätigen.

Äußerlich behielt Walter Krummnagel die Ruhe. „Welche Taschen?“, erkundigte er sich.

Der Anführer drehte sich zu Nummer zwei. „Kalle?“, fragte er und zielte mit dem ausgestreckten Arm – und somit mit der Waffe – auf seinen Mittäter. Vermutlich nicht absichtlich, einfach dem Umdrehen geschuldet.

Kalle sagte nichts. Aber dem Nichts-Sagen war eindeutig zu entnehmen, dass die Taschen offenbar noch im Fluchtwagen lagen. Dafür sprach auch, dass Kalles Blick zur Eingangstür wanderte.

Der Anführer schnaubte und drehte sich wieder zu Walter Krummnagel. „Sie haben doch diese Stoffbeutel!“, sagte er. „Die blauen, mit dem Logo. Nehmen Sie die!“

Aha, dachte Seifferheld. Die vier kommen nicht von außerhalb. Die blauen Beutel mit dem Logo der Bank hatte es vor kurzem als Geschenk für Stammkunden der Filiale gegeben. Zugereiste Bankräuber wüssten davon nichts.

„Los schon!“, brüllte der Anführer.

„Die Beutel sind da drüben im Schrank.“ Walter Krummnagel zuckte mit den Schultern.

„Dann gehen Sie da rüber, und holen Sie sie, Mann!“ Der Anführer fuchtelte mit seiner Waffe.

Seifferheld hörte in seiner liegenden Position die Schritte hinter dem Schalter. Er war nicht versucht, etwas zu unternehmen. Solange keine Menschenleben in Gefahr waren, bestand seine oberste Priorität darin, sich möglichst viele Details zu merken, anhand derer man die Täter später identifizieren könnte. Geld ließ sich ersetzen.

Alle vier trugen Turnschuhe einer bekannten Marke, die laut seiner Nichte Karina Kinderarbeiter in Asien beschäftigte. Jürgi mit der zu eng sitzenden Strumpfmaske hatte eine überdimensionierte Träne auf dem linken Handrücken tätowiert.

„Schneller!“, befahl der Anführer.

„Ich mache so schnell ich kann“, erklärte Krummnagel.

Seifferheld hörte das schabende Geräusch von Geldscheinen, die in einen Stoffbeutel geschoben wurden.

Er sah aus der Froschperspektive zu Jürgi mit der Träne. Der zuckte irgendwie merkwürdig.

„Ich … krieg … keine Luft“, röchelte er und zog den Strumpf von seiner Nase weg. Weil es sich nicht um einen Qualitätsstrumpf handelte, machte es ratsch, und schon bahnte sich eine fette Laufmasche ihren Weg durch das Material.

„Scheiße!“, schimpfte Jürgi, und weil er dabei genervt die Backen aufblies, gab der Strumpf vollends nach, und gleich darauf stand er mit dem Gesicht im Freien. Ein Gesicht, das Seifferheld von nun an jederzeit und überall wiedererkennen würde.

„Du bist so ein Depp!“ Kalle knuffte Jürgi mit der Waffe.

„Lass das!“, moserte Jürgi.

Seifferheld sah zu der Uhr über dem Sitzbereich auf der anderen Seite der Schalterhalle. Sein Spezialgebiet war Mord, nicht Banküberfall, aber er ging sehr davon aus, dass die Spezialkräfte schon draußen Aufstellung nahmen.

„Schneller, verdammt!“, rief der Anführer und schlug mit der Faust auf die Schaltertheke.

Kalle knuffte Jürgi erneut. Vermutlich brach sich da unter dem Druck der Anspannung eine bereits vor-existierende Animosität Bahn, anders ließ sich nicht erklären, warum sich Jürgi – mitten in einem Banküberfall – nach dem zweiten Knuffen veranlasst sah, Kalle einen rechten Haken zu versetzen. Der prallte gegen einen Ständer mit Flyern zu Investitionsangeboten und Anlagemodellen. Ständer und Kalle gingen zu Boden.

„Habt ihr sie noch alle?“, rief jetzt der dritte im Bunde, der bislang stumm geblieben war. Er ging dazwischen, als Kalle sich aufrappelte und sich auf Jürgi stürzen wollte.

Jürgi, ganz eindeutig die Nullnummer in dieser ohnehin unterbedarften Anfängertruppe, ließ seine Waffe fallen, um besser boxen zu können. Er boxte in etwa so elegant wie ein Känguru. Die Schläge trafen mehrheitlich Kalle, aber auch den Dritten, der sie auseinander bringen wollte.

Der Anführer drehte sich um. „Hört gefälligst auf!“

Sie hörten nicht auf. Woraufhin er ein Loch in die Decke schoss. Genauer gesagt in die Neonröhre an der Decke. Es gab ein unschönes Geräusch, Lichtfunken blitzen auf, Glas splitterte.

Das brachte nicht nur Jürgi, Kalle und den Dritten zum Aufhören, sondern lenkte sie auch ab, so dass sie nicht mitbekamen, wie sich Seifferheld millimeterweise zu der Waffe am Boden robbte. Alle, bis auf Walter Krummnagel. Der war nicht dumm, legte die beiden vollen Stoffbeutel auf die Theke und rief lauthals: „So, das wäre jetzt alles Bargeld hier aus der Schalterhalle. Wollen Sie auch das Geld aus dem Tresor?“

Eine gelungene Finte.

Seifferheld rollte sich schwungvoll zu der Waffe, packte sie, und erhob sich in einer fließenden Bewegung auf die Beine.

„Ich bin Polizeibeamter – lasst eure Waffen fallen!“, donnerte er mit seiner authoritärsten Beamtenstimme.

„Kacke, den kenn ich – das ist echt ein Bulle“, rief der dritte Skimaskenträger mit Panik in der Stimme. „Bloß weg hier!“

Der Anführer schnappte sich die Stoffbeutel mit dem Geld und lief los. Seine Entourage ihm hinterher.

Das war der Moment, in dem die mittelalte Frau auf dem Boden beschloss, die Heldin zu spielen. Sie erhob sich auf die Knie und schleuderte ihre Handtasche mit aller Kraft gegen die Knie des Anführers, der an ihr vorbeisprintete.

„NEIN!“, gellte Seifferheld noch, weil er natürlich befürchten mussten, dass die Räuber in ihrer Panik jetzt um sich schießen würden. Und ja, während der Anführer zu Boden ging – was immer sich in der Handtasche befand, er musste tierisch schwer sein –, richtete sein Kumpel Kalle seine Waffe auf die Frau und rief „Das war ein Fehler, Alte!“

„Waffe weg!“, brüllte Seifferheld und zielte seinerseits auf Kalle.

Das wiederum veranlasste Jürgi, den Känguru-Boxer, den Arm von Seifferheld nach unten zu tatschen. Ja, tatschen. Anders konnte man es nicht nennen. Er kniff die Augen zusammen und schlug mit der Rechten Seifferhelds Hand mit der Waffe nach unten. Eine Waffe, die entsichert war. Und aus der sich nun ein Schuss löste.

Der Schmerz war unvorstellbar.

Auch die Menge an Blut, die sofort seine Stoffhose tränkte. Seifferheld wusste, dass eine Arterie getroffen sein musste.

Während er wie in Zeitlupe zu Boden ging – und dabei spürte, wie ihm durch den Schock des abrupten Blutverlusts die Sinne schwanden –, sah er noch, wie die vier Möchtegern-Bankräuber von den Einsatzkräften überwältigt wurden, gerade als sie in ihren vor der Tür abgestellten Fluchtwagen klettern wollten.

Die Beutel mit dem Geld flogen durch die Luft.

Es regnete massenhaft Banknoten.

*

Jeder Kummer hält sich für das einzig Wichtige und Wirkliche auf der Welt.

Siggi starrte aus dem Fenster seines Zwei-Bett-Zimmers im Diakoniekrankenhaus. Eigentlich eine schöne Aussicht. Wegen der Hanglage hatte man einen erstklassigen Blick über das Kocher-Tal. Aber die Schönheit der Landschaft ging an ihm vorbei.

„Und was heißt das genau?“, hatte er den Arzt vorhin gefragt, ohne ihn anzusehen.

Doktor Froböse hatte sich geräuspert. „Nun ja, wir müssen abwarten, ob die Kugel wandert. Aber vorerst lässt sie sich nicht herausoperieren. Das Risiko wäre zu groß. Sie können so schon von Glück sagen, dass Sie mir auf dem OP-Tisch nicht unter den Händen verblutet sind.“

„Er hat die Konstitution eines Ochsen. Wie alle Seifferhelds“, hatte Irmgard Seifferheld erklärt, die mit verschränkten Armen auf der anderen Seite des Bettes stand. „Du wirst schon wieder“, hatte sie zu ihrem Bruder gesagt. Mitgefühl war in ihrem Charakter nicht angelegt.

Doktor Froböse hatte diesen kaltschnäuzigen Einwurf ignoriert. „Sie brauchen erstmal Ruhe, Herr Seifferheld. Und eine Physiotherapie. Dann klappt das auch wieder mit dem Laufen. Lassen Sie sich Zeit.“

Zeit – genau die hatte er nicht. Er war kein Jungspund mehr. „Sprechen wir hier von Wochen? Oder von Monaten?“

Froböse hatte sich erneut geräuspert. „Eher von Jahren.“

Seifferheld hatte den Arzt entgeistert angestarrt. „Von Jahren?“

Doktor Froböse hatte genickt und mit den Schultern gezuckt und war gegangen.

Und jetzt starrte Siggi Seifferheld blicklos auf die Hohenloher Landschaft hinaus. Er hatte all die Zeit nach dem Unfall geglaubt, dass er seinen Dienst wieder antreten konnte – auch mit einer Kugel in der Hüfte. Aber na und? Dann trug er eben Metall mit sich herum. Außer an Flughäfen würde ihn das weiter nicht beeinträchtigen.

Hatte er gedacht.

Aber jetzt bestand die Aussicht, dass er nie wieder richtig laufen konnte. Das war es dann mit seiner Karriere. Selbst wenn er irgendwann wieder in Form kam, bliebe ihm nur noch genug Zeit, um an seinem Schreibtisch die Torte zu essen, die ihm seine Kollegen anlässlich seiner Pensionierung schenken würden …

Sein Leben war vorbei!

*

Besuch ohne Zustimmung ist Einbruch. Wie Carsharing ohne Zustimmung Diebstahl ist.

„Keine Widerworte – ich lass die jetzt rein! Reiss dich zusammen!“, bellte Irmi, die auch ‚Die Admiralin‚ genannt wurde (von Menschen, die sie mochten, alle anderen bezeichneten sie als ‚Der Besen‚). Sie stapfte aus Seifferhelds Schlafzimmer und die knarzige Holztreppe hinunter in den Eingangsbereich.

Seit 500 Jahren wohnte Familie Seifferheld in diesem Fachwerkhaus in der Unteren Herrngasse 6b zu Schwäbisch Hall, und immer war es für Siggi ein Refugium gewesen – der Ort, an dem er auftanken konnte, an dem er sich wohl fühlte. Aber seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus war es sein Gefängnis. Er kam einfach nicht auf die Beine.

Sein Physiotherapeut meinte, die allzu langsame Genesung sei auf Siggis negative innere Einstellung zurückzuführen. Und darauf, dass er lieber den ganzen Tag deprimiert im Bett lag, anstatt brav seine Übungen zu machen und sich vor allem wieder mehr zu bewegen.

Männerschritte kamen kernig nach oben geknarzt.

„Siggi, altes Haus, wie geht es dir? Du siehst blendend aus!“, flötete Bauer zwo übertrieben fröhlich, als er ins Schlafzimmer marschiert kam.

Bauer zwo war ein Idiot.

Seifferheld brummte nur.

Hinter Bauer zwo tauchte Wurster, der Bärenmarkenbär auf. Er hieß wegen seiner übermäßigen Körperbehaarung so, und an diesem Tag – warm, aber mit hoher Luftfeuchtigkeit – kräuselten sich sämtliche Haare an seinem Körper, vom Scheitel bis zu den Zehenzwischenräumen. Nie hatte er bäriger gewirkt als jetzt.

„Hallo Siggi“, sagte der nächste seiner Kollege, Rogier van der Weyden. „Ich hab Bier mitgebracht.“ Er stellte den Sixpack mit Siggis Lieblingsbier – Haller Löwenbräu – auf den Nachttisch.

Seifferheld wusste, dass er sich deutlich mehr über den Besuch seiner Kollegen freuen sollte. Aber ihre Anwesenheit erinnerte ihn daran, dass sie nun seine Ex-Kollegen waren. Polizeichefin Bauer hatte ihn am Tag vor seiner Entlassung aus dem Krankenhaus noch besucht und ihm den vorzeitigen Ruhestand ans Herz gelegt. „Sie könnten die Polizeiberichte für das Haller Tagblatt schreiben, das wäre doch ein wunderbarer Übergang vom aktiven Dienst in den wohlverdienten Ruhestand – Sie wissen dann immer, was in Ihrer Stadt vor sich geht. Und Sie haben das Gefühl, gebraucht zu werden“, hatte sie gesagt.

Seifferheld war kurz davor gestanden, zum ersten Mal in seinem Leben einer Frau gegenüber tätlich zu werden.

„Wie geht’s dir?“, fragte Wurster jetzt und setzte sich auf Siggis Bettkante.

Seifferheld brummte erneut. Ihm war nicht nach reden.

„Frau Bauer hat gesagt, ich soll dir diesen Laptop geben. Damit du darauf die Polizeiberichte schreiben kannst.“ Weil Siggi nicht reagierte, stand Bauer zwo mit dem Laptop in der Hand unschlüssig herum, dann legte er ihn auf eine bunt bemalte Bauerntruhe vor dem Fenster ab.

Bauer zwo war mit Polizeichefin Bauer nicht verwandt, aber er diente sich ihr immer gern als Laufbursche an. Als ob die Nähe zur Macht auf ihn abfärben könnte.

„Dir ist nicht nach reden, was?“, meinte Rogier van der Weyden, der in Siggi las wie in einem Buch. „Das haben wir uns schon gedacht. Aber wir wollten dich aufmuntern. Darum haben wir dir was mitgebracht.“

Seifferheld sah zu dem Sixpack.

„Nein, das meine ich nicht.“ Rogier van der Weyden, der im Rahmen eines europäischen Austauschprogramms von Belgien nach Hall gekommen und der Liebe wegen geblieben war, steckte sich zwei Finger in den Mund und pfiff.

Prompt stürmte Dombrowski von der Sitte herein.

„Dombrowski ist mein Geschenk?“, entfuhr es Seifferheld.

„Ah, es lebt!“, freute sich Wurster angesichts der Tatsache, dass Seifferheld endlich seine Maulfaulheit ablegte.

Rogier winkte ab. „Aber nein, sowas wie den Dombrowski würden wir dir doch nicht schenken. Er hat das Geschenk nur für uns besorgt.“

Dombrowski trat neben das Bett. „Lieber Siegfried, ich präsentiere … Tusch! … Aeonis vom Entfall.“ Er zog die Hand aus dem Mantel, in der er etwas Beigebraunes hielt.

Seifferheld traute seinen Augen nicht …

… ein Hund!

„Das ist ein Hovawart“, erklärte Dombrowski. „Aus der besten Zucht Deutschlands. Ich kenne den Züchter. Aber er hier ist leider für die Zucht ungeeignet – wegen der Knickrute.“

Bauer zwo kicherte wie ein Heranwachsender, wenn ein schmutziges Wort benutzt wurde.

Dombrowski hielt Seifferheld den Welpenpopo entgegen. „Der Schwanz hat einen ausgeprägten Knick.“

Der Welpe fiepte. Dombrowski setzte ihn auf dem Bett ab.

„Ihr wisst aber schon, dass ich nicht laufen kann?“, empörte sich Seifferheld undankbar. „Was soll ich denn mit einem Hund?“

„Der soll dich animieren, wieder auf die Beine zu kommen“, sagte Rogier. „Du brauchst ein Hobby.“

„Ein Hund ist doch kein Hobby. So ein Tier ist eine Aufgabe und …“

„Zu spät, er gehört dir.“ Wurster stand auf. „In der Anfangszeit helfen wir dir beim Gassigehen. Und du kannst das Polizeiberichteschreiben zu deinem neuen Hobby machen.“ Er klopfte Seifferheld unbeholfen auf die Schulter. Wurster war kein Mann großer Gefühlsbezeugungen. „Macht’s gut, ihr zwei.“

Rogier nickte Seifferheld zu. „Wenn du es wieder bis zur Sonne schaffst, dann richten wir einen Stammtisch ein. Jeden Dienstagabend. Was hältst du davon? Wir nennen den Stammtisch Mord zwo!“

„Toll, da komm ich auch!“, freute sich Dombrowski.

Und dann war das Schlafzimmer leer.

Seifferheld starrte auf den Welpen in seinem Schoß. Der Welpe starrte zurück. Dann tapste er über die Bettdecke zu Seifferhelds Brust und kuschelte sich an ihn.

Aeonis vom Entenfall. Was sollte das denn für ein Name sein?

„Ich werde dich Onis nennen“, sagte Seifferheld und kraulte das winzige Wesen hinter dem Ohr. Dann sah er zu dem Laptop auf der Truhe.

Polizeiberichte schreiben, das fehlte ihm noch. Da würde er sich rausreden, definitiv. Er könnte ja behaupten, dass der Schmerz aus der Hüfte bis in die Hände kroch und ihm das Tippen verunmöglichte.

Während seine Hand ganz automatisch den Hund streichelte, wanderte sein Blick etwas tiefer zu der Truhe. Seine verstorbene Frau hatte die Truhe mit in die Ehe gebracht. Er wusste auch genau, was darin lag. Garne. Nadeln. Stickrahmen. Handarbeitszeug. Er hatte ihr früher beim Sticken immer gern zugesehen, manchmal sogar stundenlang. Warum? Das wusste er nicht. Es hatte ihn einfach beruhigt.

Hm …

In ihm dachte es nach.

… nein, Sticken – das war doch nichts für Männer. Oder?

Er sah zu Onis. „Was denkst du, Kleiner?“

Onis sah zu ihm auf und hechelte.

„Du hast recht – ich kann ja mal einen Blick in die Truhe werfen.“

Mühsam rappelte Siggi Seifferheld sich auf.

Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte!

 

Tradition? Das ist doch weiter nichts als Gruppenzwang von bereits Verstorbenen.

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