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Woran stirbt man eigentlich als Krimischaffende/r?

von Tatjana Kruse (Betroffene)

 

Leberzirrhose!

Als ich neulich auf dem Jahrestreffen der deutschsprachigen KriminalautorInnen in die gut gelaunte Runde an der Hotelbar blickte – es war letzten Mai, es war nachts um zwei, und wir hatten alle schon kräftig, sehr kräftig gebechert, kam mir spontan der Gedanke, dass Krimischaffende bestimmt mehrheitlich an Leberzirrhose sterben.

Unser Jahrestreffen, die sogenannte CRIMINALE, dauert immer fünf Tage – das sind mithin vier Nächte, in denen wir (ich übertreibe nicht) schon manche Hotelbar leer getrunken haben. Leer, wie in: kein Tropfen Alkohol mehr übrig.

Ja, Leberzirrhose, dachte ich. Kein Zweifel möglich. Das musste die Todesursache Nummer eins unter KrimiautorInnen sein.

Entweder das … oder aber mitten in der Recherche für einen hochbrisanten Thriller von einem Auftragskiller ermordet zu werden!

Nach meiner Rückkehr an den heimischen Schreibtisch tat ich, was ich, die Königin des Prokrastinierens, immer tue, wenn die Abgabe eines Romanmanuskripts ansteht: Ich googelte mich durchs Internet und recherchierte, wie die berühmtesten KriminalschriftstellerInnen der letzten hundert Jahre zu Tode gekommen sind.

Die Enttäuschung gleich vorweg: Leberzirrhose steht nicht ganz oben auf der Liste der Todesarten.

Ja gut, Edmund Crispin und Kyril Bonfiglioli starben an Leberzirrhose, beide im Alter von 56 Jahren. Aber das war’s dann auch schon. Okay, auch S.S. Van Dine war extrem starker Trinker, aber er nahm zudem Drogen, und in seiner Todesurkunde ist ‚Herzinfarkt‚ als auslösendes Moment für die finale Schlussszene eingetragen. Er giltet also nicht. Ebenso wenig wie Cornell Woolrich, ebenfalls ein leidenschaftlicher Trinker vor dem Herrn, der an einer unbehandelten Infektion nach einer Amputation starb, begünstigt jedoch durch Unterernährung. Weil er das bisschen an Tantiemen für seine Bücher lieber in gegorene Flüssignahrung investierte als in, sagen wir mal, Miracoli Spaghetti.

Wenn es einen Krimischaffenden in relativ jungen Jahren trifft, dann aus demselben Grund, wie beim Großteil der Restbevölkerung: weil das Herz nicht mehr mitmacht. An einem Herzinfarkt starben Earl Derr Biggers (48), G.K. Chesteron (62) und Dorothy Sayers (64). Friedrich Dürrenmatt erlag mit 69 einem Herzinfarkt, wiewohl er durch seine Zuckerkrankheit zusätzlich geschwächt war. Ein wenig exotisches Flair findet sich allenfalls im Ort des Infarkts: Donald Westlake (75) befand sich auf dem Weg zu einer Silvesterparty in Mexiko, Manuel Montalbàn Vázquez (85) starb auf dem Flughafen von Bangkok. Es gäbe da noch Stieg Larsson, der mit nur 50 Jahren einem Infarkt erlag, nachdem er sieben Stockwerke zu seiner Redaktion hochsteigen musste, weil der Aufzug ausgefallen war. Verschwörungstheoretiker glauben allerdings, dass das organisierte Verbrechen die Aufzüge manipuliert hatte, um sich seiner zu entledigen. Aber muss es nicht wirksamere Tötungsmethoden geben, als Aufzüge zu sabotieren, in der Hoffnung, die Zielperson würde beim Treppensteigen infarkten? Das Urteil hierzu steht noch aus.

Das Herz machte letzten Endes auch bei Philip K. Dick (53) nicht mehr mit. Er glaubte sich vom Propheten Elia besessen und starb an einem Koronarinfarkt nach einem Schlaganfall. Unkombiniert, also nur ein Schlaganfall beziehungsweise eine Hirnblutung, fällte Emile Gaboriau (40), Willkie Collins (65), Ellis Peters (82) und Georges Simenon (86) mitten im prallen Schaffen.

Dann gibt es da natürlich noch den Krebstod. Auffällig sind hier vor allem der Lungenkrebs, offenbar greifen viele von uns zur Fluppe – beispielsweise Dashiell Hammett (66), John Dickson Carr (70) und Georgette Heyer (71). Tony Hillerman (83) starb an Lungenversagen und Edgar Wallace (56) an einer Lungenentzündung auf einer USA-Reise. Ed McBain (78) und Michael Crichton (66) erlagen dem eng verwandten Kehlkopfkrebs. Dem tiefer gelegenen Bauchspeicheldrüsenkrebs fielen Mickey Spillane (88), Jakoub Arjouni (48) und Leighton Gage (71) zum Opfer. Letzterer hat übrigens ein immer noch aktives LinkedIn-Konto – was uns alle mahnen sollte, sich zu überlegen, was mit unseren Social Media Accounts nach unserem Tod passiert und ob wir nicht einer Person unseres Vertrauens Verfügungsvollmacht und Passwort für unseren Twitter-Account geben sollten, damit die nach unserem Ableben noch einen allerletzten geistreichen Aphorismus postet.

Auch Grant Allen (51) starb an Bauchspeicheldrüsenkrebs, er glaubte allerdings bis zuletzt, es sei nur eine Malaria-Infektion, die er sich bei einem Italienurlaub zugezogen hätte.

Alle anderen Krebsarten zusammen krallten sich Josephine Tey (55), Robert van Gulik (57), Margery Allingham (62), Ronald Knox (69) und Patricia Highsmith (74).

Der Krimiautor als solches stirbt also genauso wie jeder andere Durchschnittsmensch. Der gewissenhafte Beobachter wird allerdings schon jetzt erkannt haben: Krimiautoren werden oft erstaunlich alt.

Und so ist es auch – Tusch! – das schnöde Alter, das den meisten von uns zum Garaus wird. Man kann wohl sagen, das Durchschnittssterbealter des Krimiautors ist das biblische achtzig. An „natural causes“ starben – nur eine kleine Auswahl – Erle Stanley Gardner (80), Baroness Orczy (82), Gladys Mitchell (82), H.R.F. Keating (84), Leslie Charteris (85), Agatha Christie (85), Francis Durbridge (85), Ngaio Marsh (86), Léo Malet (86), Rex Stout (88), Dick Francis (89) und Eric Ambler (89). Ein tröstliches Gefühl: eben noch über einen Plot nachgedacht und – zack! – für immer im Bett eingeschlafen.

Nur ganz, ganz wenige Kollegen bieten etwas mehr Prickel, wenn es um ihren Abgang geht.

Von Edgar Allan Poe heißt es: „he was found delirious in the streets“, also Unzusammenhängendes lallend und phantasierend. Kurz darauf starb er mit 49 Jahren. Robert Ludlum erlag mit 72 Jahren seinen schweren Verbrennungen, die er sich in seinem Fernsehsessel zuzog. Wie es dazu kam? Nach einem Schlaganfall war er bewegungsunfähig. Es gibt Leute, die behaupten, Ludlums sehr viel jüngere Zweitfrau hätte keine Lust gehabt, ihn zu pflegen, darum habe sie ihm eine brennende Zigarette zwischen die Finger gesteckt, wissend, dass seine Altherrendecke nicht feuerfest war …

Franco Lucentini warf sich mit 81 die Treppe in seinem Haus hinunter, nachdem bei ihm unheilbarer Lungenkrebs diagnostiziert worden war. Der einzige Selbstmord im Kollegenkreis – man weiß das Leben zu schätzen, wenn man auf dem Papier so leichtfertig damit umgeht.

Der Pokal für den spektakulärsten Abtritt geht aber an Jacques Futrelle, der im Alter von 37 Jahren zusammen mit der Titanic im Nordatlantik unterging – stilvoll im Frack, bis zuletzt die Contenance wahrend, wie es einem distinguierten Krimiautor ansteht.

Wir lernen also: Krimiautoren suchen Sicherheit – nicht Abenteuer. Sie sind keine Hemingways, die nur dann über einen Mord schreiben können, wenn sie einen begangen haben (von … äh … wenigen Ausnahmen abgesehen). Im Gegenteil, sie entwerfen das Bild einer aus den Fugen geratenen Welt, in die sie dann durch die Aufklärung des Falles Ordnung bringen. Oder sie sind geplagte Wesen, die sich ihre Dämonen von der Seele schreiben. Aber in jedem Fall sind sie harmlos und häuslich und sterben meist im fortgeschrittenen Greisenalter im Bett!

Eins aber brachte meine Recherche zutage, etwas, das allen Mitgliedern des Syndikats ein wohliges Gefühl der Beruhigung vermitteln sollte: kein einziger Kollege, wirklich KEINER, starb im Monat Mai! (Der März ist mit großem Abstand der Monat, in dem es die meisten von uns erwischt, gefolgt von den Gleichstandmonaten Sept-Okt-Nov.) Unser Jahrestreffen darf also ruhig weiter im Wonnemonat abgehalten werden, dann können wir absolut sicher sein, dass es keinen „kalten Auszug“ aus dem Criminale-Hotel geben wird…

Darauf hebe ich schonmal prophylaktisch meinen Gin & Tonic!

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